Berichte zur

E N T S C H L E U N I G U N G

27. Nov. 2004

"Buy nothing day"

und

17. Nov. 2004
"Aneignungstag"

Kommunikations-Guerilla

Was is das?

 

Interview der TAZ mit Agitart zum Thema Konsum und Entschleunigung

 

Buy nothing Day:
(Kauf-Nix-Tag)

U M S O N S T !

"Heute ist der Kaufnix-Tag. Sie müssen nichts kaufen und Nichts ist sogar umsonst!"

Bestückt mit Flugblättern, gehüllt in weiße Overals, schlichen wir EntschleunigerInnen heute durch die Kölner Fußgängerzone und forderten die an uns vorbei hetzenden Konsumenten auf, sich Zeit zu nehmen, so wie wir, nichts zu kaufen und langsamer zu gehen. Wir, das waren Kölner, die einfach Lust an dieser Aktion hatten, Mitglieder der Agitart als Organisator und Mitglieder von Attac und BUND.

Das zunehmende Tempo in allen Lebensbereichen egal ob Verkehr, Arbeit, Einkauf oder Freizeit, schadet nicht nur der eigenen Gesundheit, es schadet auch Mensch und Umwelt im Allgemeinen. So werden z.B. immense Warenströme im Flugverkehr von einer Ecke der Welt in die andere transportiert. Warenproduzierende Konzerne sind dabei immer auf der Jagd, ihre Produkte irgendwo auf Malaysia oder in Ostdeutschland billiger produzieren zu können als anderswo.


im Kaufhof

Wir befinden uns in einer scheinbar endlosen Geschwindigkeits-Spirale, die vielen Menschen an die Substanz geht und die Mensch und Umwelt grundsätzlich überlastet.

Die meisten Passanten hatten natürlich keine Zeit für uns im Vorweihnachtskauf. Einige blieben aber auch interessiert stehen, lasen das Flugblatt und diskutierten mit uns. Wie wir mitbekamen, wurde unsere Aktion aber auch ohne Texterklärung verstanden.


Leider hatten wir zeitweise einen Abtrünnigen ;-), der sich von den euphorischen Worten des Konsumpredigers (Kauf-Nix-Aktion von Greenpeace, m.E. sehr gelungen) magisch in den Bann ziehen ließ und nur schwer wieder dazu zu bewegen war, dem Konsumgott wieder abzuschwören.

 

 

Aneignungstag:

Anlässlich eines bundesweiten Aktionstages gegen den Sozialabbau führte die Künstlergruppe Agitart in Kooperation mit Attac Köln; AktivistiInnen aus der Arbeitsloseninitiative KALZ und dem BUND Köln eine Theaterperformance zum Thema Wiederaneignung von Zeit in Form von „Entschleunigung“ durch.

Der Aktionstag ist Teil der bundesweiten Herbstkampagne gegen den Sozialabbau. Im Zuge der Einführung der Pflegeversicherung brachten die Erwerbstätigen alleinig den Buß- und Betttag als Feiertag ein, mithin der Ausstieg aus der Paritätischen Finanzierung der Sozialsysteme. Im Sinne der „Wiederaneignung“ wird der ehemalige Feiertag mit politischen Aktionen verbracht.

Rund 15 AktivistInnen schlängelten sich in Zeitlupe durch die Menschenmassen der Fußgängerzonen Kölns. Sie lösten Verwunderung, Irritation, oft sogar Nachfragen bei den PassantInnen aus. Ein ausgeteiltes Flugblatt polemisierte in ironischem Ton gegen den beschleunigten Ressourcenverbrauch marktradikaler Globalisierung und dem Zeit-und Leistungsstress, der damit einhergeht. Überaschenderweise fand die Aktion gerade bei jungen Menschen einen guten Anklang. Einige Teenager schlichen Zeitweise mit und diskutieren angeregt mit den AktivistInnen. 200 Flugblätter waren schnell verteilt.

Die Aktion ist für Agitart auch ein Erfolg, weil es gelungen ist, sich in der vom Ordnungsamt zur Tabuzone erklärten Innenstadt, künstlirisch -„vorpolitisch“ zu äußern. In sofern war die Aktion auch eine gelungene Aneignung öffentlichen Raumes.

Aus unserer Presseerklärung:

"Entschleunigung ist eine Metapher, für eine Lebensweise, die mehr Zeit und Muße für möglichst viele Menschen bringt und die unsere natürliche Umwelt schont. Allgemein geht es uns um eine Verlangsamung des Ressourcenverbrauchs durch regionale und nachhaltige Produktion. Ziel einer solchen Lebensweise ist es, die eigene Zeit zu genießen, aber auch, Arbeit und Zeit gesellschaftlich gerecht aufzuteilen“.

 

Bericht aus der Taz Köln Nr. 7515 vom 16.11.2004, Seite 1, 79 Zeilen, Jürgen Schön:

Büßen und Beten für mehr Beschäftigung


Mit kürzerer Arbeitszeit zu mehr Jobs: In Köln demonstrieren Ver.di und
Attac am Mittwoch für die Wiedereinführung des Buß- und Bettages als
Feiertag. Angestellte von Uni und Bezirksregierung streiken gegen
Sparpläne des Landes

Köln taz Bundesfinanzminister Hans Eichel hat gerade vergeblich versucht,
den Deutschen einen gesetzlichen Feiertag, den 3. Oktober, zu klauen, um
das Wirtschaftswachstum anzukurbeln. 1995 waren die Politiker
erfolgreicher: Sie schafften - außer in Sachsen - den protestantischen
Buß- und Bettag ab, um so den Arbeitgebern ihren Anteil an der
Pflegeversicherung zu finanzieren. In einem bundesweiten Aktionstag wollen
sich Ver.di und Attac diesen Feiertag jetzt auch in Köln wieder "aneignen".

Dazu ruft das "Bündnis Soziale Bewegung Köln" am morgigen Mittwoch, dem
aktuellen Datum des beweglichen kirchlichen Feiertags, um 16 Uhr zu einem
Protest auf dem Wallrafplatz auf. Neben Ver.di und Attac gehören dem
Bündnis unter anderem die Katholische Arbeiterbewegung (KAB), das Kölner
Sozialforum und "Kein Blut für Öl" an.

"Die Verlängerung der Arbeitszeit etwa durch die Aufhebung eines
Feiertages bringt keinen Arbeitsplatz mehr", stellt die Kölner
Ver.di-Sekretärin Vera Schumacher klar. Und Attac-Sprecher Hans Günter
Bell meint: "Wenn diejenigen, die noch Arbeit haben, demnächst länger
arbeiten, führt das nur zu noch mehr Arbeitslosigkeit." Das Fazit für
Schumacher: "Wer mehr Arbeitsplätze schaffen will, muss die Arbeitszeit
verkürzen, damit die vorhandene Arbeit auf mehr Schultern verteilt werden
kann." So ist die "Wieder-Aneignung" des Buß- und Bettages bei dieser
Aktion auch eher symbolisch zu verstehen. Es geht generell um
Arbeitszeitverkürzung, Lohnerhöhung und eine Ausweitung des
Kündigungsschutzes.

Im Anschluss an die Aktion meldet sich die Gruppe "agitart" zu Wort. Mit
einer "Entschleunigungs"-Demonstration durch Kölner Einkaufsstraßen wollen
die Aktionskünstler ihre grundlegende Kritik an der Arbeits- und
Wirtschaftspolitik artikulieren. Sie fordern "mehr Zeit und Muße" für die
Menschen und setzen sich unter anderem für eine "gerechte, nachhaltige und
soziale Gesellschaft" ein.

Ebenfalls für Mittwoch hat Ver.di die Landesbeschäftigten zum Streik und
zur landesweiten Demonstration nach Düsseldorf aufgerufen. In Köln gilt
dies unter anderem für die Bezirksregierung, die Universität und das
Studentenwerk. Der Protest richtet sich gegen die von der Landesregierung
geplante Arbeitszeitverlängerung und die Kürzung von Urlaubs- und
Weihnachtsgeld."