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Mestizomusik und Migration „El Sonido de la Migración“ – Klänge aus Spanien und Lateinamerika zwischen Popkultur und politischer Relevanz |
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| Tanzbare
Musik aus einem internationalen Netzwerk
Der Klang der Mestizomusik ist eine spannende
Mischung aus Ska, Reggae, Salsa, verschiedenen lokalen Musikstilen und
manchmal einer Prise Punk. Viele bekannte Gruppen dieses musikalischen
Genres wie Amparanoia, Ojos de Brujo oder Cheb Balowski arbeiten über
die Grenzen von Spanien, Frankreich und verschiedenen lateinamerikanischen
Ländern hinweg zusammen. MusikerInnen wie der Baske Fermin Muguruza
oder der Italiener Roy Pacci reisen viel und tauschen sich aus, wirken
an Musikproduktionen von befreundeten Bands mit, und bilden so ein musikalisches
Netzwerk mit vielen anderen Bands. Amparo Sanchez, Sängerin der bekannten
Band Amparanoia, unterstützte z. B. die mexikanischen Los de Abajo
mit einem engagierten Lied gegen die politische Klasse Mexicos: „Sr.
Judas“. Jüngst beteiligte sie sich an einer Produktion der
spanischen Politikkulturaktivsten La Kirmes mit einer Hymne für die
mexikanischen Zapatisten „Ya está siendo“. Dieses fast
schon familiäre Netzwerk eint musikalische Ausdrucksmittel wie die
Leichtigkeit und Verspieltheit lateinamerikanischer Musik, die Wut des
Punkrock und die melodiöse Geradlinigkeit von Ska. Darüber hinaus
teilen die MusikerInnen auch die Zugehörigkeit zu oder zumindest
die Verbundenheit mit linken Basisbewegungen wie GloblisierungskritikerInnen
und AktivistInnen für selbstbestimmte bzw. nicht-kommerzielle kulturelle
Einrichtungen. Die vielfältigen musikalischen Produktionen, welche
die Mestizoszene in immer neuen musikalischen Variationen hervorbringt,
korrespondiert mit der Vielfalt an Themen und Texten. Oft sind es politische
Themen, die direkt oder indirekt zum Ausdruck kommen. Fermin Muguruza
z. B. kritisiert in vielen seiner Lieder die Politik der USA im Irak.
Die Band Macaco aus Barcelona hingegen äußert sich subtil und
ironisch, wie mit ihrem hintersinnigen Lied über die Gemeinsamkeiten
von Waren- und Drogenkonsum: „gemelos de vicio“. Mestizomusiker
wie Panteon Rococo haben schöne und ergreifende Liebeslieder wie
„1993“ geschrieben, Amparo Sanchez bewegt sich in vielen ihrer
Lieder mit einer feministischen Sicht „Ella baila bembe“ auf
dem Feld der Geschlechterbeziehungen.
Ein besonderer Aspekt, der bisher in Überblickartikelni
über Mestizomusik wenig zur Sprache gekommen ist, ist die oftmals
internationale Besetzung der Bands. Besonders in der Mittelmeermetropole
Barcelona gibt es viele Bands, die ihren eigenwilligen Klang ihrer internationalen
Besetzung verdanken. Die Vielfalt der musikalischen Klänge wird von
MigrantInnen aus Lateinamerika und Nordafrika mitbestimmt. Bei Cheb Balowski
z. B. hört man neben traditionellen nordafrikanischen Gnawaklängen
Reggae, Chanson und etwas Punk. Cheb Balowski verarbeiten dabei verschiedene
Einflüsse nordafrikanischer Musik, die von dem aus Algerien stammenden
Sänger Yacine Belahcene mitgeprägt werden. Die Fusionklänge,
die dabei rauskommen, sind ein musikalisches Spiegelbild des Raval, einem
zentralen Stadtteil Barcelonas mit einem hohen Anteil von MigrantInnen.
Mestizomusik klingt oft freundlich, melodiös und rhythmisch. Die gelegentlich fast naiven Melodien, gespickt mit folkloristischen Zitaten, beschreiben jedoch keinesfalls eine heile multikulturelle Welt, sondern sie bringen oft die widersprüchlichen Erfahrungen, die die MusikerInnen als MigrantInnen gemacht haben zum Ausdruck. Ein prägnantes und sehr bekanntes Beispiel hierfür ist Manu Chao’s Lied über den „Clandestino“. Das Lied beschreibt einen illegalen Migranten, der sich nicht zeigen darf, der keinen festen Ort in der Gesellschaft hat. Soy una raya en el mar (ich bin ein Strahl im
Meer) Der naiv-fröhliche Klang und der swingende
Rhythmus des Liedes erklingen in einem beißenden Widerspruch zu
den durchaus ernsten Worten des Textes. Insgesamt wird dadurch Sympathie
für den „Clandestino“, der sich gegenüber den Widrigkeiten
„Babylons“ (sprich: in den reichen Metropolen dieser Welt)
behauptet, deutlich. Der swingende Rhythmus des Liedes steht für
das Lebensgefühl des „Cladestino“: Mit anderen Worten
könnte dieses Lebensgefühl folgendermaßen klingen: Die Gruppe Cheb Balowski aus Barcelona beschreibt das Thema der Migration ebenfalls als Mischung von Aufbruch und Zwang. In dem Lied „Gessami“ (Jasmin) besingt der Sänger Yacine Belahcene Hoffnungen, Träume und Enttäuschungen eines Migranten. Der Ich-Erzähler muss aufbrechen, um seine Freiheit zu finden. Von meinem Zuhause muss ich aufbrechen, In diesen und anderen Zeilen dieses Liedes spiegelt sich der Wunsch nach einem besseren Leben wider. Gleichzeitig muss sich der Einwanderer - ähnlich wie der „Clandestino“ - oft genug gegenüber staatlicher Bürokratie „unsichtbar“ machen. Er hat wenig Rechte und wird als „Fremder“ oft nicht verstanden. In diesem Lied überwiegt jedoch der Wille, das Leben in die eigene Hand zu nehmen und Neues zu entdecken. Musikalisch werden diese Statements und Erfahrungen mit einem faszinierenden Stilmix aus verschiedensten Elementen katalanischer und nordafrikanischer Folklore untermalt. Nordafrikanische Gnawarhythmen klingen hier wie ein Verweis der singenden Person auf ihre Herkunft. Gleichzeitig wirken jazzige Bläser und das dynamische Schlagzeug wie ein Sinnbild für die Suche des Individuums nach einem eigenen Weg, der voller widersprüchlicher Eindrücke zwischen gestern und heute, zwischen alter und neuer Heimat liegt. Die Vieldeutigkeit und klangliche Vielschichtigkeit der Musik erscheint wie eine positive Affirmation für den Lebensweg der Migration. Eine ähnliche Vieldeutigkeit zwischen gestern
und heute auf dem Weg der Migration wird in einem Lied der multiethnischen
Band Kulturshock deutlich.ii In dem Song „Haide Yano“ hört
man ein traditionelles Thema aus dem Balkanraum. Es wird durch 7/8 Beats
aus einer krachenden Rhythmusbox angetrieben. Monoton wiederholt der Sänger
die traditionelle Melodie, während schräge Gitarren die Atmosphäre
brechen. Wie in einer Kollage hört man einen Moment später schrille
flötenartige Bläser, die irgendwie an Hirtenmusik erinnern.
Insgesamt entsteht so eine fesselnde Atmosphäre, die den Hörer
zwischen Großstadtromantik und archaischen Empfindungen hin und
her wirft. Gut kann man sich dabei vorstellen, dass der Klang der im Balkan
verbrachten Jugend im heutigen Seattle nachklingt und sich mit dem Beat
der Großstadt mischt. Traditionelle Elemente (in der Musik), nun das ist meine Erbe. …( Aber) der Westen und die großen Musikkonzerne akzeptieren nur diese Art von Weltmusik, die Bekannte von mir machen: Sie tragen weiße Hemden und nette Anzüge. Sie sind höflich und nett. So wollen Sie uns sehen. Aber diese Art von Nettsein ist sicherlich nicht meine Art. …Wir benutzen Musik nicht, wir wollen uns selbst ausdrücken, es ist unsere Sprache, unsere Lebensstil, unsere Art von Freiheit. Ein Faszinosum dieser Band liegt den auch in der Vielfalt der Menschen, die ihre Konzerte besuchen: Migranten aus verschiedenen Ländern Südosteuropas, Punks, WeltmusikhörerInnen und allerhand Partypeople. Egal ob nach einem Metal-Gitarrenriff ein Balkanbläsersatz folgt oder umgekehrt, das bunte Publikum springt zusammen auf und ab und zelebriert diese Vereinigung bisher als nicht vereinbar geltender musikalischer Elemente. Verschiedene Kontexte verschmelzen in der Musik zu einem neuen Erfahrungsraum. Die Musik wird so zu einem Ausdruck für den Wunsch nach einer Gesellschaft, in der „Herkunft“ zu einer nachrangigen Größe bei der Einordnung einer Person wird.
Zu Recht lässt sich einwenden, dass die beschriebene Sichtweise von Musikern wie Manu Chao, Cheb Balowski und Kulturshock nicht immer die Erfahrung der Mehrzahl von Migranten widerspiegeln muss. Das beschriebene Lebensgefühl, welches auch Aufbruch und Suche nach Freiheit umfasst, ist wahrscheinlich nicht das vorherrschende Moment von Frauen und Männern, die in die Metropolen ziehen, um Armut und politischer Verfolgung in ihren Herkunftsländern zu entfliehen. Und trotzdem steckt in jeder Entscheidung, die gewohnte Umgebung zu verlassen, ein Stück Aufbruch, der jenseits von Flucht und Getriebensein steht. Es ist das Moment des aktiven Handelns. Insofern treffen diese Lieder bei vielen Menschen einen Nerv, die sich auf dem Weg zu neuen Ufern befinden. Dies trifft auf Menschen, die in ein anderes Land ziehen, natürlich in besonderer Weise zu, aber auch Migration innerhalb eines Landes bedeutet, etwas zurück zu lassen und Neues zu entdecken. Es ist geradezu ein Kennzeichen unserer Zeit, dass Menschen wegen einer Liebe, einer neuen Arbeit oder einfach aus Neugier ihre Herkunftsregion verlassen und in einem anderen Umfeld etwas Neues beginnen. Insofern hat der Manu-Chao-Chronist Alessandro Robecchi recht, wenn er den „Clandestino“ als Sozialfigur unserer Zeit charakterisiert, der nicht immer nur Flüchtling im Sinne von „getrieben sein“ ist. Der Clandestino steht für viele Menschen, die manchmal ruhelos ihren gewohnten Ort verlassen, um ein besseres Leben zu finden. Hier passt auch das Bild des Sozialwissenschaftlers Zygmunt Bauman, vom Menschen unserer Zeit als Nomaden. Gerade die Mestizobands mit „Migrationshintergrund“
deuten das Nomadisieren oft als aktive Form der Aneignung von Lebensmöglichkeiten
um. Sie postulieren damit ein Recht auf Migration gerade auch über
Ländergrenzen hinweg. Ein weiteres Beispiel für diese Haltung
ist die Band Che Sudaka aus Barcelona, die aus dem „ Englishman
in New York“ von Police den „Imigrante Illegal en Europa“
gemacht hat. Mit einer swingenden Rumba bekennt sich die Band, deren Mitglieder
zum Teil aus Kolumbien stammen, zum Recht auf Einwanderung. Diese Haltung
erinnert an die Sichtweise der bundesrepublikanischen Initiative KanakAttak.iv
Sie betont die vielfältigen Möglichkeiten der Einwanderung nach
Deutschland als LiebespartnerIn, StudentIn oder SaisonarbeiterIn. Dabei
hebt sie das aktive Moment dieser Möglichkeiten, in der Bundesrepublik
Fuß zu fassen, hevor und möchte diese Optionen soweit legalisieren,
dass sich daraus Rechte ableiten lassen. Bezogen auf die Sichtweise von
Mestiozomusikern als KünstlerInnen ist klar, dass ihre Sicht eine
privilegierte ist. KünstlerInnen hatten immer eine Sonderrolle unter
den Einwandergruppen, die oft mehr geduldet wurden und werden als Menschen,
die aufgrund wirtschaftlicher Not oder politischer Verfolgung in ein Land
einwandern. !Escucha i baila! (Höre und tanze!)
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